Bu­ka­rest-Zy­pern-Bu­ka­rest … Die drei Fra­ge­zei­chen und das aus­ser­ge­wöhn­li­che Aus­land­se­mes­ter in Eu­ro­pa

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Ein Auslandssemester in Pandemiezeiten an der Romanian-American-University (RAU) in Bukarest ist an sich schon ein Abenteuer, und trotz der widrigen Umstände wurde es eine unvergessliche Erfahrung. Im Wintersemester 2021/22 waren wir – Viktor Ernst und Philipp Osthus (FHDW Bielefeld) und Moritz Schwinge (FHDW Bergisch Gladbach) im Rahmen des Erasmus+ Programms in Europa unterwegs.

Nach dem reibungslosen Bewerbungsprozess hat das International Office den Kontakt zwischen uns hergestellt, und wir haben gemeinsam die Anreise und Unterbringung geplant. Als weitere Vorbereitungsmaßnahme haben wir uns mit Johannes Mosig, der 2019/20 an der RAU war, ausgetauscht und wertvolle Tipps erhalten.

Moritz Schwinge: „Der ganze 1. Oktober war mit der Anreise nach Bukarest bereits abenteuerlicher als die anfängliche Vorstellung des gesamten Auslandssemesters. Schon Monate im Voraus hatte ich damit begonnen, die Anreise zu planen und mich mit meinen Kommilitonen, Viktor und Philipp von der FHDW Bielefeld, die mich während der Zeit in Rumänien begleiten sollten, auszutauschen.“

Aufgrund der Covid-19-Pandemie war das Studentenwohnheim der RAU geschlossen, so dass wir uns für den ersten Monat ein Airbnb-Apartment gemietet hatten. Wir sind ein paar Tage vor Beginn des Semesters in Bukarest gelandet und haben bei sonnigem Herbstwetter die Stadt erkundet.

Moritz Schwinge: „An dieser Stelle lässt sich direkt festhalten, dass ich Airbnb als Unterkunft trotz dieses organisatorischen Mehraufwands dem Studentenheim immer wieder vorziehen würde. Nicht nur, weil sich die beiden Optionen kostentechnisch kaum etwas nehmen, sondern auch weil das Airbnb viele Vorteile bietet (eigene Küche, größere Flexibilität, mehr Freiheiten), die man in dem Studentenwohnheim nicht hat.“

Mit den historischen Gebäuden, Springbrunnen, Parks und Seen bietet die Metropole viele schöne Möglichkeiten zum Spazierengehen, Kaffeetrinken oder Verweilen. Häufig wurden wir gefragt, warum wir uns für einen Studienaufenthalt im „Paris des Ostens“ entschieden haben, und rückblickend lautet die Antwort: Die rumänische Hauptstadt überrascht mit ihren vielfältigen Facetten – Balkanatmosphäre mit orientalischen Einflüssen und französisch inspirierter Architektur, die in den 40er Jahren des Kommunismus umgestaltet wurde – und überzeugt jetzt als erblühende, westlich inspirierte Stadt mit freundlichen hilfsbereiten Menschen.

Moritz Schwinge: „Besonders im Kopf geblieben ist mir die schöne Altstadt Bukarests mit ihren Fußgängerstraßen der Strada Lipscani und der Strada Franceza, die außerdem die älteste Straße von Bukarest ist. Beeindruckend im Herbst ist auch der ,rumänische Times Square‘ Piata Unirii, dessen Brunnen in der Mitte abends mit verschiedenen Farben beleuchtet wird und umgeben ist von vielen riesigen LED-Werbetafeln auf den Dächern der umliegenden Hochhäuser. Neben der Altstadt und ihrem stilgemischten, historischen und ordentlichen Stadtbild zeigen sich in Teilen von Bukarest aber auch sowohl sehr moderne und hohe als auch sehr alte, ungepflegte und verlassene Gebäude, die einem die starke soziale Ungleichheit und Individualität der Stadt immer wieder verdeutlichen.“

In der ersten Woche haben wir an der Einführungsveranstaltung teilgenommen, uns den Stundenplan zusammengestellt und die Erasmus+ Vorzüge der Erasmus-Student-Network-Karte und des Buddy-Programms in Anspruch genommen. Die weitestgehend deutsche Discounterlandschaft ermöglichen eine sanfte Eingewöhnung in die Versorgung vor Ort – an regelmäßigen Wasserkäufen kommt man aufgrund der rumänischen Leitungswasserqualität nicht vorbei.

Die grassierende Delta-Variante ermöglichte über das gesamte Semester ausschließlich Online-Vorlesungen. Das Semester ist geteilt in zwei Abschnitte. Man hat die Möglichkeit, mittels Pre-Exam die entsprechende Klausur am Ende des Semesters zu vermeiden. Dafür müssen mindestens 80 % des Pre-Exams richtig beantwortet werden. Grundsätzlich kann man den Vorlesungen gut folgen und sich mit den Lernunterlagen zielgerichtet auf die Prüfungen vorbereiten.

Moritz Schwinge: „Das Studentenleben an der RAU wurde, wie auch mein Abitur und das bisherige Studium an der FHDW, stark durch die Covid-19-Pandemie beeinflusst. Aufgrund von Inzidenzzahlen von über 1.000 Infektionen auf 100.000 Einwohner in Bukarest mussten alle Vorlesungen der Universität online, mit Hilfe von Microsoft Teams, abgehalten werden. Trotz dieser Einschränkung und der Neuheit von englischen Vorlesungen habe ich die Inhalte des Studiums während meiner Erasmus-Zeit gut auffassen und verstehen können. Die Dozenten der RAU bringen einem die Themen gelassen bei und sind auch bei individueller Nachfrage sehr offen und hilfsbereit. Neben der Präsentation während der Vorlesungen erhält man je nach Dozent auch weitere Hilfs- und Lernmaterialien, mit denen man die Vorlesungen sehr gut eigenständig nacharbeiten kann.“

Nachdem wir Sicherheit in den akademischen Herausforderungen erlangt hatten, haben wir uns regelmäßig mit unseren Erasmus-Buddys getroffen und so weitere Rumäninnen und Rumänen kennengelernt. Insbesondere in der Organisation von Ausflügen helfen die Buddys sehr weiter und haben uns beispielsweise die Zugtickets für einen Tagesausflug nach Konstanza gebucht. Die Hafenstadt am Schwarzen Meer ist bei warmen Temperaturen einen Besuch wert.

Moritz Schwinge: „Alles in allem macht das Studium an der RAU Spaß und lässt darüber hinaus auch ausreichend Freiraum für Freizeitaktivitäten und Tagestrips durch Rumänien.“

Die sich stark verschlechternde Corona-Lage, von der u. a. auch deutsche Medien berichteten, schränkte auch den Alltag sehr ein – nicht nur durch verschärfte Regelungen für Bars, Restaurants und andere Freizeitaktivitäten, sondern auch die bei uns zunehmende Angst, sich in einem Land mit Corona anzustecken, aus dem die Patienten auch nach Deutschland ausgeflogen wurden oder in dem sie in überfüllten Krankenhäusern unbehandelt auf dem Boden zum Sterben lagen.

Kurzum: Der anstehende Unterkunftswechsel, die prekäre Situation, die zunehmend kühlen Temperaturen und die Sicherheit, dass Vorlesungen und Prüfungen sowieso weiter online stattfinden, ließen uns zu dem Entschluss kommen, Rumänien zu verlassen. Bei einem gemeinsamen Brainstorming in unserem bereits eingespielten Team kamen wir auf die Idee, unser Auslandssemester auf Zypern fortzusetzen.

Moritz Schwinge: „Zypern als Ziel bot sich zu dem Zeitpunkt besonders an, weil die Corona-Zahlen dort niedriger als in Deutschland waren, die Kultur und Geschichte Zyperns mit der Spaltung des Landes eine sehr spannende Grundlage für einen längerfristigen Aufenthalt bereithielt, das Wetter dort im europäischen Vergleich am wärmsten war und es eine super Flugverbindung von Bukarest nach Zypern gab.“

Nach einiger Recherche und Rücksprache mit der RAU und FHDW sind wir Anfang November nach Paphos/Zypern geflogen und haben Nähe von Latchi ein schönes Ferienhaus bezogen. Temperaturen um die 30 Grad, Palmen und das warme Mittelmeer (20 Minuten Fußweg) waren eine willkommene Abwechslung zu der rumänischen Metropole und ein angenehmes Umfeld für die anstehende Phase der Pre-Exams.

Moritz Schwinge: „Die Prüfungsphase lief sehr gut, unsere Ernährung war geprägt von selbstgepressten Säften aus lokalen zypriotischen Früchten, der Abwesenheit von Softdrinks, Chips oder anderen ungesunden Fertigprodukten, vielen Koch- und Backaktionen und sehr viel Bewegung, besonders motiviert durch das großartige Wetter, die schönen Landschaften, aber auch die fehlenden öffentlichen Verkehrsmittel in der abgelegenen Gegend auf Zypern, in der unser Haus lag.“

Im Gegensatz zu Bukarest ist der öffentliche Personennahverkehr auf Zypern schlecht ausgebaut und ein Auto überaus sinnvoll. Mitte November haben wir uns für den Rest der Zeit einen Mietwagen genommen und konnten mit der gewonnenen Mobilität die kulturellen und touristischen Highlights des Mittelmeeridylls wahrnehmen. Neben zahlreichen sportlichen Highlights wie Schwimmen, Joggen, Wandern und Golf spielen, waren wir in verschiedenen Museen und Ausstellungen. Die strategische Lage der Insel hat sie in den vergangenen Jahrhunderten vielen Einflüssen ausgesetzt, und noch heute kann in Nikosia, der letzten geteilten Hauptstadt der Welt, reale Geschichte erlebt werden. Außer Nikosia haben wir Limassol und Paphos besichtigt und viel Zeit für die traumhafte Natur verwendet: Der an das Naturschutzgebiet Paphos Forest angrenzende höchste Berg des Landes, der Olympos, überzeugt dabei ebenso wie der Strand von Agia Napa oder eine Kutterfahrt mit einem lokalen Fischer.

Nach erfolgreicher Absolvierung der Pre-Exams haben wir bis Mitte Dezember die Zeit auf Zypern genossen, bevor wir die Weihnachtsfeiertage bei unseren Familien in Deutschland verbracht haben.

Mitte Januar sind wir wieder in die rumänische Hauptstadt geflogen und haben eine Wohnung am Cișmigiu-Park bezogen. Anschließend haben wir die zweite Pre-Exam-Phase erfolgreich absolviert und mussten keine Klausuren schreiben.

Neben dem Besuch der Nationalarena zum Spitzenspiel der ersten Rumänischen Fußballiga FCSB vs. CFR Cluj waren wir mit dem Nachtzug in Cluj, haben die Therme besucht, waren in Sinaia Skifahren und haben uns mit Sonja Gebauer (Kulturattachée und Frau des deutschen Botschafters) getroffen und so spannende Einblicke in die bilateralen Beziehungen erhalten. Der krönende Abschluss war ein Kurztrip nach Mailand.

Fazit und Tipps

Neben den unvergesslichen Erlebnissen bleibt eine großartige interkulturelle Erfahrung. Auch wenn das Auslandssemester eher untypisch verlaufen ist und aufgrund des ausschließlich online stattfindenden Unterrichts kein klassisches Auslandssemester war, kann man den Aufenthalt in Rumänien nur weiterempfehlen.

Tipps:

  1. Kommilitonen und Freunde (sowohl aus der Heimat als auch Locals vor Ort) während des Aufenthaltes erleichtern viele Herausforderungen und bleiben auch nach dem Auslandssemester: Im Team lässt sich alles besser meistern!
  2. Buddy-Programm des Erasmus Student Networks (ESN)
  3. Sektor 5 in Bukarest meiden – der Norden ist besser und sicherer
  4. Guten Draht zum FHDW International Office wahren: ein großer Rückhalt bei jeglichen Fragestellungen & besser organisiert als das Pendant vor Ort
  5. Nützliche Tools und Apps:
    • Airbnb für Wohnungen (Monatsrabatt bei einer Miete über 30 Tage)
    • Bolt/Uber als Alternative zu herkömmlichen Taxis
    • Rome2Rio (weltweite Übersicht von öffentlichen Verkehrsmitteln)
    • Bring (digitale Einkaufsliste, besonders praktisch für das Leben in einer WG)
    • Tricount (Übersicht gemeinsamer Ausgaben)
  6. Vodafone Prepaid SIM-Karte (5€ für 28 Tage inkl. 60 GB Datenvolumen im rumänischen Netz)
  7. Restaurant- und Bar-Empfehlungen: Caru Cu Bere, Hanuc Lui Manuc, Csikisör, Sushi Room, McDonalds
Im August 2022 hat mich (Philipp Osthus) mein „Erasmus-Buddy“ aus Bukarest im Rahmen eines Deutschlandaufenthalts für ein Wochenende besucht. Auf dem Ausflug zur Bielefelder Sparrenburg waren meine beiden FHDW-Kommilitonen dabei.

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