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„Die chinesischen Kollegen diskutieren sehr gerne sehr ausgiebig über Dinge.“

Erfahrungsbericht von Leona Köhler und Kai Krumtünger

Bachelor-Studiengang International Business, Praktikum März - Mai 2018 in Tianjin/China bei BENTELER Automotive
Gefördert über PROMOS

Let’s get started

Im Wintersemester 2016 begannen wir das duale Studium International Business an der FHDW in Paderborn.  Mit dem Wissen, dass zwischen dem dritten und vierten Semester (Frühjahr 2018) ein Auslandsaufenthalt für uns ansteht, haben wir uns ab Sommer 2017 auf die Suche nach geeigneten Standorten für unser Auslandspraktikum gemacht. Schnell fiel unsere Wahl auf China, da uns die asiatische Kultur als interessante Herausforderung erschien.

BENTELER ist unser festes Partnerunternehmen. Über firmeninterne Kontakte ins Reich der Mitte sendeten wir unsere Lebensläufe dorthin. Relativ schnell erhielten wir die Rückmeldung, dass wir in einem neu aufgebauten Werk in Tianjin in verschiedenen Positionen eingesetzt werden können.

Da es sehr schwierig ist, ein chinesisches Visum für die kompletten drei Monate zu bekommen, ohne zwischendurch aus- und wieder einreisen zu müssen, haben wir hierzu das firmeninterne Expatriate Management um Unterstützung gebeten. Das gab uns den Tipp, eine auf chinesische Visa spezialisierte Agentur mit der Beantragung der Visa zu beauftragen. Um ein Arbeitsvisa zu erhalten, benötigt man eine Einladung der Gesellschaft, in der man sein Praktikum absolviert (in unserem Fall: BENTELER Tianjin Co. Ltd.). Nachdem wir der Agentur alle notwendigen Unterlagen (Reisepass und diverse Formulare) geschickt hatten, bekamen wir knapp vier Wochen später unsere Visa für 90 Tage.

Für die Bewerbung für eine Förderung von PROMOS war neben Lebenslauf und Zeugnissen noch ein Motivationsschreiben verlangt. Alle Unterlagen konnten einfach bei dem International Office der FHDW eingereicht werden.

Das Buchen der Flüge sowie eines Hotels für die erste Woche stellten daraufhin kein Problem mehr dar. Da wir allerdings kein Auto in China bewegen dürfen, weil wir die Schilder nicht lesen können, waren wir auf Fahrer angewiesen, die aber die lokale Human-Resources-Abteilung für uns organisiert hat.

Die ersten Tage

Angenehmerweise war ein Kollege aus Paderborn – ein Projektleiter, der für den Werksaufbau zuständig ist – auch gerade in China und hat uns direkt im Hotel begrüßt. Nach dem langen Flug und einer zweistündigen Taxifahrt vom Flughafen zum Hotel kam die Einladung zum Abendessen sehr gelegen. Am ersten Tag – ein Sonntag – sind wir direkt mit dem Schnellzug ein für ein wenig Sightseeing nach Peking gefahren.

Es war sehr hilfreich, dass uns der Kollege, der sich schon ein bisschen in China auskannte, zeigte, wie alles funktioniert, da man mit seinen Englischkenntnissen nicht so weit kommt, wie erhofft. Am Bahnhof und in der U-Bahn muss man durch Personenkontrollen, wie wir sie nur am Flughafen kennen. In der ersten Woche haben wir auch schon einige gute und auch günstige Restaurants in der Nähe gezeigt bekommen.

Work, Work, Work

Die ersten Tage des Praktikums starteten recht entspannt. Dank des Projektleiters aus Paderborn erhielten wir einen guten Überblick über das neue Werk und lernten die neuen Kollegen kennen. Wir wurden sehr herzlich begrüßt. Die meisten Kollegen im Büro sprachen gutes Englisch, trotzdem war es hin und wieder schwierig, alles zu verstehen, da die Aussprache manchmal doch sehr fragwürdig ist. Da sich das Werk in der Phase vor dem Produktionsstart befand, standen sehr viele Kundentermine sowie ein Suppliers Day an. Somit konnten wir an vielen Meetings teilnehmen, in denen uns der Unterschied zwischen der chinesischen und europäischen Mentalität sehr deutlich wurde. Am Suppliers Day, an dessen Vorbereitung und Organisation wir beteiligt waren, wurde die Mehrheit der Lieferanten bei uns im Werk begrüßt.

Ich, Leona Köhler, war im Supply Chain Management eingesetzt. Da sich das Werk noch in der Aufbauphase befand, variierten meine Aufgaben je nach Projektphase von der Verfolgung der Supplier Readiness bis zur Einführung des Warehouse-Management-Systems.

Ich, Kai Krumtünger, war im Quality und Mechanical Engineering eingesetzt. Hier lag der Schwerpunkt darin, wöchentliche Tracking-Reports vorzubereiten und von dem Kunden geforderte Daten anschaulich darzustellen. Daneben fielen während des Aufbaus eines neuen Werkes weitere und sehr vielschichtige Aufgaben an. So kam es, dass ich noch viel für das lokale Supply Chain Management machen konnte, und ich erhielt einen guten Überblick in die verschiedenen Aufgabenbereiche eines Werkes.

Die Arbeitszeiten sind arbeitnehmerfreundlich von 8 - 17 Uhr. Je nach Verkehrslage passiert es manchmal dann aber doch, wie es Dolly Parton so schön sagt: „Workin‘ nine to five“. Die Kollegen waren wirklich immer sehr hilfsbereit und haben sich über die Unterstützung sehr gefreut. Aber man muss sich ein wenig an die Arbeitsweise der Chinesen gewöhnen. Falls man irgendwelche wichtigen Daten benötigt, muss man seine Kollegen regelmäßig und hartnäckig daran erinnern, dass man diese auch rechtzeitig erhält. Einige Male wurden wir auch zu Teamevents eingeladen, was oftmals ein gemeinsames Essen am runden Tisch ist. Zum Ende des Aufenthaltes wurden wir sehr nett mit einer Torte (und Pappkrönchen) verabschiedet.

Die Dimensionen in China sorgen dafür, dass die meisten Kollegen sehr lange zur Arbeit fahren müssen. Das macht es meistens unmöglich, abends oder am Wochenende noch etwas mit ihnen zu unternehmen. Wenn Kollegen aus dem Headquarter aus Shanghai oder aus Deutschland im Hause waren, die unweit unseres Apartments wohnten, sind wir jedoch regelmäßig zusammen essen gegangen oder in eine Bar etc. 

Die Kultur

Trotz des sanften Einstiegs hat sich nach ein paar Tagen natürlich der erste Kulturschock breitgemacht, denn die Kultur unterscheidet sich doch stark von unserer. Vor allem an die Verständigung, die hauptsächlich mit Händen und Füßen vonstattenging, und die Mentalität muss man sich wirklich gewöhnen. In der ersten Woche auf der Arbeit hatten wir schon festgestellt, dass die einheimischen Kollegen alle äußerst hilfsbereit und interessiert sind, aber auch sehr gerne sehr ausgiebig über Dinge diskutieren und sich lange beratschlagen. Auch im Straßenverkehr geht es drunter und drüber – ganz nach dem Motto: Wer die lautere Hupe hat, hat Vorfahrt.

Nicht zu vergessen ist die chinesische Gastfreundschaft. Wer mit Einheimischen ins Restaurant geht, wird in der Regel immer eingeladen und es mangelt einem an nichts. Es gibt Essen im Überfluss und es ist wirklich immer für jeden etwas dabei. Wenn nichts übrigbleibt, ist das immer ein Zeichen, dass der Gast nicht satt geworden ist, also wird sicherheitshalber noch eine zweite Pekingente bestellt.

Wohnen in China

Für die erste Woche in China hatten wir ein Hotel gebucht, um dann vor Ort nach einer permanenten Bleibe zu suchen. Das können wir wirklich jedem empfehlen, da es schwierig ist, sich im Vorfeld einen Eindruck von der Gegend zu machen. Für uns war schnell klar, dass ein Aufenthalt im Hotel für die komplette Zeit zu teuer werden würde und auch die fehlende Küche irgendwann zum Verhängnis wird.

Bei der Wohnungssuche fällt schnell auf, dass die chinesischen Wohnungen meist in riesigen Hochhäusern sind, welche einfach à la „Copy and Paste“ nebeneinandergesetzt werden. Da die meisten Chinesen in unserem Ort kaum Englisch sprachen (oder sich nicht trauten), waren wir sehr auf die Unterstützung der Assistentin des Werkes angewiesen, die uns sehr gerne geholfen hat. Nach insgesamt drei Tagen war die Suche erfolgreich abgeschlossen und auch alles Drum und Dran mit Strom, Gas, Wasser, Internet (!!!) organisiert.

Wichtig ist auch, dass man sich bei der Polizei anmeldet, was normalerweise die Hotels direkt übernehmen. Da wir nun nicht mehr in einem Hotel wohnten, mussten wir das selbst machen.

Unsere Wohnung lag in Langfang, einer „Kleinstadt“ mit ungefähr 4 Millionen Einwohnern – direkt über einer riesigen Shopping Mall mit vielen Restaurants, sodass wir schnell, günstig und richtig gut essen gehen können. Da allerdings fast niemand Englisch spricht, waren wir meistens auf einen Mix aus Zeichensprache und Übersetzer angewiesen. Das macht jede Mahlzeit unberechenbar.

Hot Pot und Streetfood

Wahnsinnig spannend und unheimlich lecker ist das chinesische Essen. Anfangs war es noch etwas schwierig, da das Essen von den Stäbchen überall gelandet ist, aber nicht im Mund. Doch nach einigen Tagen hat man auch damit den Dreh raus und isst, als hätte man nie Gabel und Messer benutzt. In der Kantine des Werkes gibt es optional immer Reis als Beilage, ansonsten sieht man aber selten Reisgerichte.

Anstatt eines Gerichts pro Person bestellt man in chinesischen Restaurants für alle zusammen viele einzelne Sachen. Hierbei kommt der traditionelle runde Tisch zum Einsatz, bei welchem die mittlere Platte mit den Speisen gedreht werden kann, sodass jeder Gast leicht von allen Speisen kosten kann. Von eingelegten Erdnüssen über Seerosenstiele bis hin zur Lammkeule zum Abnagen ist alles dabei.

Eine Spezialität, die es uns besonders angetan hatte: Hot Pot. Ein bisschen vergleichbar mit dem, was wir unter Fondue verstehen. Man bekommt es in einen großen Topf mit vorzugsweise einer scharfen Suppe, in die man dann alles Mögliche reinwirft und garen lässt (und dann natürlich versuchen muss, mit seinen Stäbchen wieder herauszuangeln). Sehr ausgeprägt ist in China auch die Streetfood-Kultur, unserer Meinung nach sehr zu empfehlen. Neben Hühnchen-, Rind- oder Schweine-Spießchen kann man hier auch ganze Tintenfische am Spieß erwerben (oder, wer will, auch Insekten, aber das ist eher eine Seltenheit). 

Freizeit

Bei den Chinesen werden Familie und Freunde großgeschrieben. So sieht man viele Leute abends in der Mall beim Shoppen, beim gemeinsamen Essen oder im KTV (Karaoke). Aber auch Sport scheint ein wichtiger Bestandteil der Freizeitgestaltung zu sein. Am Abend sieht man in den Parks oft Gruppen, die gemeinsam traditionell tanzen. Bei diesen Tanzveranstaltungen kann auch jeder, der dem Tanz halbwegs folgen kann, einfach mitmachen.

An den Wochenenden und den freien Tagen stand für uns viel Sightseeing an. An den normalen freien Wochenenden sind wir meistens nach Tianjin (13,5 Millionen Einwohner) oder in die Hauptstadt Peking gefahren. Langfang ist glücklicherweise an das sehr gut ausgebaute High-Speed-Bahnnetz angeschlossen, sodass man innerhalb von 15 Minuten in Peking und 20 Minuten in Tianjin ist.

In Peking gab es sehr viel zu entdecken. Neben den Klassikern wie der Chinesischen Mauer und der Verbotenen Stadt bietet es diverse wunderschöne Parks und Tempelanlagen aus den alten Dynastien. Auch der 798 Art Zone und dem Barviertel in Sanlitun sollte man definitiv einen Besuch abstatten. Zur National Holiday, also einem verlängerten Wochenende, ging es beispielsweise auch mal nach Xi’an, um die Terrakotta-Armee zu sehen. Dieser Trip ist wirklich sehr empfehlenswert, da nicht nur die Terrakotta-Armee sehr beeindruckend ist, sondern die Stadt neben nächtlichen Lichtershows noch sehr viel zu bieten hat. (Tipp: NICHT über eine National Holiday hinfahren, da die Stadt dann noch überfüllter ist als normal schon).

Tipps und Tricks

Im Vorfeld sollte man sich ein paar hilfreiche Apps installieren. Wichtigste Begleiter: eine VPN-App und „WeChat“. Da in China viele Apps wie WhatsApp, Instagram, Facebook etc. geblockt sind, hilft die VPN-App ganz einfach, eine VPN-Verbindung in ein anderes Land herzustellen, um diese Blockade zu umgehen.

WeChat ist das chinesische Pendant zu WhatsApp, Facebook, Skype etc. zusammen. Alles läuft über WeChat. Sogar bezahlt wird mit WeChat. Da man die Zahlfunktion aber nur mit einem chinesischen Konto nutzen kann und auch Kreditkarten nur begrenzt akzeptiert werden (außer natürlich bei Starbucks), raten wir dazu, genug Bares in der Tasche zu haben. Auch eine Offline-Übersetzer-App ist aufgrund der fehlenden Englischkenntnisse von Vorteil. Und eine Offline-Karte wie „Maps.Me“, welche einem in Städten auch Metrostationen anzeigt, kann auch nicht schaden.

In Kurzform – Essenziell notwendig sind:

  • WeChat
  • Maps.me
  •  VPN-App 
  •  Kreditkarte, mit der gebührenfrei Bargeld abgehoben werden kann (z. B.  Master Card/Visa)
  • Stäbchen-Skills
  •  Chinesische Sim-Karte
  •  Geduld, ganz viel Geduld
  •  viel Verständnis

Fazit

China ist wahnsinnig interessant und facettenreich. Ein Auslandssemester in China bringt einem das Land, die Leute und die Geschäftswelt deutlich näher, und es ist eine tolle persönliche Erfahrung, die in einer sich zunehmend vernetzenden Welt sicherlich von Vorteil sein wird.