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Bergisch Gladbach
„Das war doch nur im Netz!“

Ein Fachmann erklärte, was Hate Speaker und Trolle bewegt und wie man als Profi mit ihnen umgeht. 


Die Studierenden der FHDW hatten Gelegenheit, sich von einem Fachmann erklären zu lassen, was Hate Speaker und Trolle bewegt und wie man als Profi mit ihnen umgeht. Der von ehemaligen Studierenden eingeladene Referent Gregor J. Mayer ist Mitglied der Programmgeschäftsführung beim öffentlich-rechtlichen Dokumentationskanal Phoenix und hier verantwortlich für die digitalen Medien.

Täglich von 1 Uhr nachts bis morgens um 8 Uhr ist die Online-Redaktion beim Sender Phoenix nicht besetzt. Wenn die Redakteure und studentischen Kräfte am Morgen dann mit ihrer Arbeit beginnen, haben sie einiges zu tun. Häufig sind die Diskussionen auf den Phoenix-Seiten in sozialen Netzwerken oder auf Videokanälen über Nacht eskaliert, in den Kommentaren finden sich beleidigende Bemerkungen oder sogar rechtsrelevante Drohungen. In der siebenstündigen Abwesenheit der Admins bekommen die Nutzer keine direkte Antwort vom Sender und das senkt die Hemmschwelle Nacht für Nacht herab. „Das führt dazu, dass Menschen sich noch stärker echauffieren.

Das habe ich schon hunderte Male erlebt, manche steigern sich da richtig rein“, berichtet Gregor J. Mayer. Er ist in der Programmgeschäftsführung beim öffentlich-rechtlichen Dokumentationskanal Phoenix für die digitalen Medien verantwortlich. Und damit auch für den Umgang mit den Kommentaren, die unter Videos und Beiträgen seines Senders in den sozialen Netzwerken und auf Videokanälen landen. Der Alumni-Verein der FHDW in Bergisch Gladbach hatte den 48-jährigen Journalisten zu dem Thema „Hate Speech und Trolle“ eingeladen. „Mit dem Thema sollten sich alle Studierenden einmal beschäftigen“, freute sich Dr.-Ing. Alexander Brändle, Leiter des FHDW-Campus in Bergisch Gladbach, über den Gast und sein Thema.

Die Gründe für Hasskommentare und das Vorgehen von Trollen (Menschen, die Diskussionen im Netz bewusst zur Eskalation bringen) sieht Mayer klar in der Persönlichkeit der handelnden Personen verwurzelt. Bei Trollen sind es häufig sogar psychopathische Merkmale wie übersteigerte Machtlust, Sadismus und Narzissmus. Bei Hate Speakern ist es ein durch innere Stagnation ausgelöster Zwang zu einem destruktiven Diskussionsstil. Der auch schon mal zu rechtsrelevanten Äußerungen wie rassistischen Kommentaren, Drohungen oder brutalen Beleidigungen führt. Da solche Äußerungen aber keine Offizialdelikte sind, wird eine Staatsanwaltschaft erst nach Strafantrag tätig und der muss von einem Betroffenen gestellt werden. „Das passiert aber in der Regel nicht“, berichtet Mayer. Also löscht sein Team die Kommentare und hat dabei vor allem eine Empfehlung des Ministerkomitees des Europarates als theoretische Grundlage im Hinterkopf. Diese bereits 1997 verabschiedete Empfehlung dient bis heute in Online-Medien als Handlungsgrundlage bei rassistischen, antisemitischen, intoleranten und aggressiv nationalistischen Äußerungen im Netz. Bei konkreten Androhungen von Gewalt schaltet sich aber auch die Polizei ein.

„Trolle sind wahrscheinlich Menschen, mit denen man real gar nicht mehr vernünftig diskutieren kann“, glaubt Mayer. Denn ein klassisches Merkmal von Troll-Aktionen ist ja gerade das Verschwinden, nachdem ein zum Zweck der Eskalation abgesetzter Kommentar gepostet wurde. Bei Hate Speakern sind es verschiedene Faktoren, die die in der Realität gegebenenfalls zurückhaltenden Menschen dazu bringen, im Netz auszurasten: Unter anderem sind das die gefühlte Anonymität, das Fehlen von Blickkontakten und die Asynchronität bei Diskussionen sowie eine Abtrennung des realen vom virtuellen Ich. Frauen sind übrigens unter Trollen und Hate Speakern generell seltener zu finden. „Wenn Frauen dabei sind, dann aber richtig heftig“, bemerkt Mayer. Generell unterscheiden die Nutzer stark zwischen realer Kommunikation und der Konversation im Internet. „Das war doch nur im Netz“, antworteten Hate Speaker der ehemaligen Grünen-Chefin Renate Künast. 2016 zog sie für eine Spiegel-Reportage los und suchte die Urheber von auf ihre Person bezogenen Hass-Kommentaren zu Hause auf.