Samstag, 4. Februar 2012

Weiter warten auf den Ruck

1. Bergisch Gladbacher Gespräche mit Roman Herzog

Wie sehr der Bundespräsident a. D. auch heute noch zu faszinieren vermag, zeigte der randvolle Saal im TechnologiePark Bergisch Gladbach. Mehr als 400 Menschen waren gekommen, um Neues über "Wachstumshemmnisse aus Politik und Wirtschaft" zu erfahren, darunter zahlreiche Vertreter aus Politik und Wirtschaft, Studierende der Fachhochschule der Wirtschaft (FHDW) Bergisch Gladbach sowie die lokale Presse und der TV-Sender Phoenix.

Auf Initiative der FHDW

Zustande gekommen sind die gemeinsam mit dem TechnologiePark Bergisch Gladbach durchgeführten Bergisch Gladbacher Gespräche auf Initiative der FHDW. Da die Veranstaltung auch zur Förderung der Region beitragen soll, sei es umso erfreulicher, gerade Ex-Bundespräsident Herzog als Pionier hier zu haben, sagte FHDW-Leiter Prof. Dr. Hubert Schäfer bei der Begrüßung. "Das entspricht dem FHDW-Grundsatz, immer besser sein zu wollen als der Wettbewerb." Und: "Die Veranstaltung heute ist nur der Auftakt, es wird auch die 2. Bergisch Gladbacher Gespräche geben." TechnologiePark-Geschäftsführer Hans-Dieter Angerer bekräftigte dies. Er würdigte Prof. Herzog als jemanden, "der aufrüttelnden und anpackenden Optimismus versprüht."
 
Ins Thema der Veranstaltung führte Prof. Dr. Winfried Fuest ein, geschäftsführendes Mitglied im Institut der deutschen Wirtschaft und Professor für Volkswirtschaftslehre an der FHDW. Seine Diagnose über den Standort Deutschland: zu hohe Steuern und Abgaben, zu hohe Staatsquote, überhöhte Lohnnebenkosten, Dauersubventionen für Landwirtschaft und Bergbau sowie zuviel Bürokratie gekoppelt mit immensen Verschwendungen.

Kritik an Verschwendung und Bürokratie

Prof. Herzog beschäftige sich im Wesentlichen mit der Frage, wieso in Deutschland das doch dringend benötigte Wachstum nicht erzielt werde, wo also die "Wachstumshemmnisse in Politik und Wirtschaft" lägen. Er kritisierte vor allem die hohe Staatsquote von knapp 50 Prozent sowie die jährliche Verschwendung von rund 50 Milliarden Euro Steuergeldern. Sein Vorschlag: "Wer künftig zuviel ausgibt, bekommt morgen weniger." Ebenso rigide sein Vorschlag zur Eindämmung der unzähligen Gesetze und Vorschriften: "Alles streichen! Dann merken wir schon, was wir brauchen, und das können wir dann neu aufbauen." Auch die Bürokratie nahm der Ex-Bundespräsident aufs Korn. Viele Verwaltungswege seien zu lang und zu kompliziert, in Verwaltungen und Ministerien gäbe es zu viele Entscheidungsebenen.

Nicht nur der Staat hat Schuld

Bei der ausschließlichen Schuldzuweisung an den Staat wollte es der Ex-Bundespräsident aber nicht bewenden lassen. Er habe Zweifel daran, ob die Wirtschaft richtig aufgestellt ist. Der für ökonomischen Fortschritt erforderlichen Innovation und geistigen Flexibilität stehe auch in Unternehmen häufig die Bürokratie entgegen. Mit Blick auf die Manager meinte er: "Der Politik wird immer der Vorwurf gemacht, nur von Wahl zu Wahl zu denken. Bei einem börsennotierten Unternehmen hangeln sich die Bosse aber auch nur von Hauptversammlung zu Hauptversammlung." Auch die Aktionäre ent-ließ Prof. Herzog nicht aus der Verantwortung: "Shareholder Value heißt auch zukunftorientiertes Denken und Investitionen in diese Zukunft."

Unternehmer die besseren Politiker?

In der anschließenden von Hans Meiser moderierten Gesprächsrunde diskutierten neben Prof. Herzog und Prof. Fuest noch Lothar Feuser, Geschäfts-führer von Toyota Deutschland, Willibert Krüger, Gründer der gleichnamigen Unternehmensgruppe, Manfred Maus, Gründer der OBI-Organisation, sowie die FHDW-Studierende Anke Todtenhöfer weitere Aspekte des Themas. Im Vordergrund stand vor allem die Frage, ob Unternehmer vielleicht die besseren Politiker wären. Bei den Diskussionsteilnehmern herrschte hier Konsens, denn "Manager würden zuerst einmal eine Gesamtanalyse machen und die Arbeitsweise ändern", wie ein Diskussionsteilnehmer bemerkte.