Dienstag, 7. Februar 2012

Ist Lesen Voraussetzung für beruflichen Erfolg?

5. Bergisch Gladbacher Gespräche mit Hellmuth Karasek und Norbert Blüm

Mit einem Streifzug durch die Geschichte der Bücher und Geschichten eröffnete Literaturwissenschaftler und Rezensent, Prof. Dr. Hellmuth Karasek, die Diskussion. „Stirbt das Lesen durch die neuen Medien aus?“ lautete seine Leitfrage. Karasek verneinte dies deutlich. Mündliche Überlieferung wie Homer oder Grimms Märchen bergen genauso viel Wirklichkeit und „Herzenswissen“ wie die gedruckten Zeugnisse großer Literatur. Auch Bilder, wie sie in Cartoons oder bei Wilhelm Busch verwendet werden, lenken nicht von der Wirklichkeit ab. Sie können, genauso wie Filme oder Computerspiele, Impuls sein, sich mit der Welt auseinander zu setzen. Sprache und Literatur reagieren - als Form - immer auf die Anforderungen der Gegenwart, so sein Credo.

Mehr als nur ein Generationenkonflikt

In der Diskussion zeigten sich verschiedene Verwerfungen und Unterschiede, wie der Umgang mit Lesen und Schreiben zu beurteilen ist. Fast als Generationenkonflikt ließ sich der Exkurs über die typischen SMS-Abkürzungen interpretieren. Während einige in diesen zwei oder drei Buchstaben ein Zeichen für ein sinkendes sprachliches Niveau entdeckten, verwies FHDW-Dozent Prof. Dr. Jürgen Wegmann auf Jugendsprache und ihre Funktion als Abgrenzung und Identitätsfindung. Für ihn liegt der Vorwurf der Verkürzung im Auge des Betrachters, die jugendlichen SMS-Autoren seien sich bewusst, worüber sie schreiben und was sie lesen. Bei Goethe reicht die Nennung des Begriffs „Klopstock“, um eine besondere Empfindsamkeit zu symbolisieren. Auf dem Handy erfüllt dies ein Kürzel wie „hdl“ (hab dich lieb).

Strukturierung von Informationen entscheidend für Berufserfolg

Aber die unterschiedlichen Einstellungen haben mehr Ursachen als das Alter. Dr. Helge Lach, Vorstandmitglied der Deutschen Vermögensberatung AG (DVAG), ist der Form gegenüber tolerant. Rechtschreib- oder Grammatikfehler in Bewerbungen stellten für ihn keinen verlässlichen Parameter für die Qualifikation eines Mitarbeiters dar. Da agiert sein Unternehmen dem Trend der Zeit folgend. Eher klassisch setzt die DVAG hingegen bei ihren internen Schulungen ganz auf traditionelle Unterrichtsformen in Gruppen, nicht auf Webinars oder E-Learning. Für ihn ist das Schreiben die wichtigere kulturelle Technik. Die dafür notwendige Fähigkeit, Wissen und Informationen zu strukturieren, ist nach seiner Facon entscheidend für beruflichen Erfolg.

Anlass entscheidet über Form

Die Podiumsteilnehmer waren sich einig, dass der Sprachstil abhängig ist vom Kommunikationsanlass. Die Verspätung wird per SMS geschickt, die Liebeserklärung auf geschöpftem Papier. Dies bestätigte auch Jacob Fuest, BWL-Student an der FHDW. Recherchen für sein Studium führt er primär online und weniger in der Bibliothek aus, private Briefe aber schreibt er mit der Hand.

Blüm: Kreatives Wissen ist essenziell für Wirtschaft

Für den ehemaligen Arbeits- und SozialministerNorbert Blüm, der sich als „literaturhungrigen Werkzeugmacher“ beschreibt, sind Lesen, Schreiben und Reden kreative Methoden, um die Welt mit allen ihren Facetten kennen zu lernen. Spezialist zu sein heiße immer, nur einen Ausschnitt wahrzunehmen und Scheuklappen zu tragen. Lesen hält Blüm für wichtig, um im „1“ und „O“ der digitalen Welt die Zwischentöne der Wirklichkeit zu sehen. So, wie der Betrachter einen Film linear sehe, seien die modernen Medien konzipiert. Ein Buch ermöglicht das Hin- und Herspringen, es bietet dem Lesenden eine Souveränität. Reden, Lesen und Schreiben bergen für Blüm das Potenzial eines kreativen Umgangs mit Wirklichkeit und Informationen. Diese Fähigkeiten seien elementar, denn die Wirtschaft hänge mehr von Innovationen denn vom Kapital ab. Dies bestätigte auch Wegmann: Investitionen in die Allgemeinbildung sichern langfristig den wirtschaftlichen Erfolg.

Intellektuelle Leistung unabhängig von der Form

Gegen Meisers provokanten Kulturpessimismus brachte Wegmann seine Erfahrungen mit Diplomarbeiten ins Feld. Das Abschreiben vor 25 Jahren aus mehren Büchern stellte er mit dem heutigen "Copy & Paste" auf eine Stufe. Über die Qualität einer Abschlussarbeit entscheiden andere Faktoren.

Praktische Tipps für Zuhörer und das Fazit 

Nach der in Phasen sehr philosophischen und politischen Diskussion gab es zum Abschluss noch praktische Hinweise von Prof. Karasek zur Frage: Wie findet man das, was man lesen will? Die besten Tipps erteilen nach seiner Erfahrung gute Buchhandlungen. Aber auch die Bestsellerlisten und Rezensionen großer Tageszeitungen eignen sich als Hinweis.

Die 5. Bergisch Gladbacher Gespräche endeten ohne ein einstimmiges Ergebnis -wie in der Wirklichkeit (und der Literatur) blieben Gegensätze stehen. Es war für alle Zuhörer anregend zu sehen, wie unterschiedlich Personen und Unternehmen auf die Veränderungen von Sprache reagieren. Die Thesen und der Verlauf der Diskussion bestätigten die Anfangshypothese Karaseks: Sprache spiegelt die Wirklichkeit.